Die Ruhe nach dem Sturm

Valerie war in diesem Sommer zum ersten Mal mit Basketball in Rumänien und hat als Trainerin und Begleiterin geholfen, wo sie konnte. Ihre Eindrücke hat sie direkt nach dem Camp aufgeschrieben. Wir wollten etwas Zeit vergehen lassen, bevor wir den Text auf den Blog stellen, um erst einmal unsere eigenen Erinnerungen sacken zu lassen. Denn wir sind uns sicher: Jeder, der diesmal mit in Bögöz war, egal ob zum ersten, zweiten oder dreißigsten Mal, hat jede Menge Eindrücke und Erinnerungen mitgenommen – und die muss man in der Regel erst einmal verarbeiten. Aber natürlich wollen wir euch auch Valeries Text nicht vorenthalten. Et voilà.


Mit dem Flieger geht es im Handumdrehen nach Rumänien, wo die Hitze noch viel drückender ist als in Deutschland. Hier ist alles anders – die Taxis schneller, die Stimmen lauter und der Verkehr reger. Zumindest in Bukarest, der Hauptstadt Rumäniens. Zwei Tage im „Paris des Ostens“, der ehemaligen Hochburg des Diktators Ceaușescu, bevor es auch für mich nach Bögöz ins Camp geht. Ich bin das erste Mal dabei und sitze nun im Zug nach Sibiu, wo ich auf den Rest der Gruppe treffen werde. Fünfeinhalb Stunden Zugfahrt für nur knapp 280 Kilometer – fünfeinhalb Stunden, die zeigen, wie Rumänien tickt: Gefahren wird gemeinsam. Es wird geratscht, Essen (oder Sitze) geteilt, gelacht oder auch mal gepöbelt. Und: Eine Platzreservierung ist nicht viel wert – on your feet, lose your seat.

Der Taxifahrer, der mich in Sibiu vom Bahnhof zum Flughafen bringt, hat zwar keine Zähne mehr, schenkt mir als „Dutsche“ aber trotzdem ein Lachen. Mit der Gruppe vereint geht es dann im Bus nach Bögöz, ab ins Szeklerland. Wenn uns nicht in regelmäßigen Abständen immer wieder ein Pferdekarren entgegenkäme, könnten wir auch durchs Tolkinsche Auenland fahren – so grün ist es. Die Ausnahme: Anstatt Hobbithöhlen stehen am Straßenrand zahlreiche Brachtbauten – die meisten von ihnen aber unvollendet. Heißt: Die Häuser sind bewohnt, aber nicht fertiggestellt. Es fehlt der Putz, manchmal sogar die Fensterscheiben. Woran das liegt, haben wir bis heute nicht rausgefunden.

In Bögöz erwartet uns das liebevolle Heim von Irenke. Um auf den Hof zu gelangen, muss man durch ein Szeklertor gehen. Szeklertore sind reich geschnitzte Holztore, die zu verstehen geben, dass hier Szekler wohnen, die den Ungarn näher stehen als den Rumänen (Hier gibt es die ausführliche Erklärung zu Szeklern, Ungarn und Rumänen). Irenke wird uns die nächste Woche bekochen, uns (wir wünschten es wäre anders) hinterherräumen und uns sogar pflegen. Wie der eine oder andere mitbekommen hat, wechselten wir uns über die Woche nämlich mit einem fiesen Magen-Darm-Virus ab, den wir fast liebevoll Tagesvirus tauften – so lange belästigte er jeden einzelnen.

Was habe ich mir davon erhofft, mit nach Bögöz zu fahren? Um ehrlich zu sein, habe ich mir vorher wenig Gedanken gemacht, zu viel Stress in der Uni und im Job. Bei Irenke auf dem Hof zu sein bedeutete zuerst völlige Entschleunigung. Zuerst. Denn dann ging das Camp los, 30 Kinder, die unterschiedlich gut Basketball spielen, verschiedene Sprachen sprechen und alle Aufmerksamkeit brauchen – und diese natürlich auch verdient haben.

Zwei Ausflüge haben mich nachhaltig beschäftigt: Der Besuch im Roma-Dorf und der Besuch auf Renis Farm (mehr zu den anderen Ausflügen steht zum Beispiel hier oder hier).

Das Roma-Dorf war für uns alle ein Kulturschock, und, ganz ehrlich: Wir Erwachsenen haben nicht nur die Kinder, sondern auch uns selbst ins kalte Wasser geworfen. Im Dorf war es dreckig, der Großteil der Bewohner nackt. In den Hütten wohnen immer mehrere Familienmitglieder, ohne fließendes Wasser. Die Dorfbewohner trinken aus dem Fluss (ja genau der, dessen Badebesuch uns wahrscheinlich den Magen-Darm-Virus verpasst hat). Es ist staubig und wahnsinnig heiß. Aber wir sind willkommen – obwohl wir keine Geschenke mitgebracht haben. Liebevoll zeigt uns eine junge Mutter ihr Baby, ein hübsches, noch völlig zahnloses kleines Ding. Es ist ein Kulturschock – und das mitten in Europa. Wir kamen in Taxis vorgefahren, in Polizeibegleitung. Eine Busanbindung ins Dorf gibt es nicht (mehr über den Besuch steht hier). Nach dem Besuch haben wir viel diskutiert. War das richtig? Haben wir Katastrophentourismus betrieben? Was hat unser Besuch dem Roma-Dorf gebracht? Und vor allem: Was ist bei unseren Kindern geblieben? Haben wir Vorurteile abbauen können oder diese vielleicht nur noch vergrößert?

Ihr könnt uns glauben, dass wir Erwachsene nach dem Besuch nicht nur gesprochen, sondern auch ein bisschen gestritten haben. Ich persönlich – aber das ist meine Meinung – wünsche mir, dass wir den Besuch im nächsten Jahr wiederholen, allerdings ohne Polizei und Taxen, sondern in Begleitung von Tobias, einem Deutschen, der seit Jahren mit Teenagern in eben dieses Dorf fährt und dort gemeinsam Programm macht. Am nächsten Tag haben wir mit den Kindern gemeinsam über das Erlebnis gesprochen. Ich glaube, dass die Kinder nicht nur gelernt haben, ihr eigenes Hab und Gut zu schätzen, sondern auch, dass es mehr als eine Lebensweise gibt und das Armut nicht zwangsweise Unglück bedeutet. Denn unglücklich waren die Bewohner des Dorfes nun wirklich nicht – es wurde gesungen und gespielt.

Ein besonderer Ausflug war auch der Besuch auf Renis Farm. Ich bin immer noch beeindruckt, dass Reni und ihre Familie jede Nacht auf der Farm übernachten und im Notfall auch mal den ein oder anderen Bären oder Wolf verjagen. Reni gehört zu den Kindern, die stets gute Laune ins Camp getragen haben. Während wir Deutschen gerne (und in diesem Camp leider auch oft) jammern, scheinen mir die Szekler-Campteilnehmer manchmal schon ein bisschen reifer zu sein. Gejammert wird nicht, wer hinfällt, steht auf. Aber nun ja – was ist eine Schnittwunde schon gegen einen ausgewachsenen Bären.

Beeindruckt hat mich in dieser Woche wieder einmal, das Kinder sich verständigen können, auch wenn sie nicht die gleiche Sprache sprechen. Ich wünsche mir, dass wir im nächsten Jahr diese Bindung noch vertiefen können und hoffe, dass wir das Projekt so voran treiben können, dass wir noch mehr gemeinsame Aktivitäten zwischen den Szeklerkindern und unseren deutschen Campteilnehmern ermöglichen können. Seit gestern ist der Großteil von uns wieder zurück in München, und es fühlt sich an, als wäre ich eine Ewigkeit weggewesen. Ich bin mir sicher, dass ich das deutsch-ungarische Geplapper bald vermisse (noch genieße ich die Ruhe) und freue mich auf alle, die nächstes Jahr wieder mitkommen.

Zuletzt noch eine Geschichte, die Sandy und Katalina mir heute erzählt haben: Wie ihr sicher mitbekommen habt, hat auch István, ein Roma-Junge, der schräg gegenüber von Irenkes Pension wohnt, am Camp teilgenommen hat. Obwohl István sehr ruhig ist, schließt man ihn sofort ins Herzen. Am Ende der Reise haben besonders wir Betreuer mit der ein oder anderen Träne gekämpft, weil es bei Irenke einfach so wunderschön ist. Nicht nur wir: Angeblich hat auch Ida, Istváns Mutter geweint. Aus Dankbarkeit, weil ihr Sohn am Camp teilnehmen durfte.

Zuhause bei den Schwestern

Die junge Frau hat Glück gehabt. Am Freitag hatte sie an die Tür geklopft, mit nichts als zwei Plastiktüten in der Hand und dem kleinen Kind auf dem Arm, vertrieben vom Vater des Kindes. Sie brauchte einen Platz zum Schlafen, einen Rückzugsort für sich und den kleinen Sohn, ein Jahr alt, zahnloses Lachen, hellbrauner Flaum auf dem Kopf. Familie oder Verwandte, die die 19-Jährige mit den dunklen Haaren, den schmalen Schultern und der ausgeblichenen Kleidung hätten aufnehmen können, gab es nicht, schließlich war sie auch früher schon eine Vertriebene gewesen. Seit dem zwölften Lebensjahr, seit ihre Mutter sie in einem Heim sitzen gelassen und sich aus dem Staub gemacht hatte. Diesmal hat sie Glück gehabt. Das kleine Eltern-Kind-Zimmer im Kloster der Mallersdorfer Schwestern in Szekelyudvarhely war nicht belegt gewesen. Sie durfte bleiben, vorerst.

[327]_[_DSC3846]_[150803 Franziskanerorden]
Alles andere als grau: Schwester Michaela in der Klosterküche.
Die hellen Augen von Schwester Michaela verdunkeln sich, als sie die Geschichte der jungen Frau erzählt, die jetzt in dem luftigen Innenhof des Ordenshauses ihrem Kind mit energischen Zügen die Schokolade vom Mund wischt. Neben ihr hampeln zwei blonde Mädchen auf einer Wippe, Geschwister, ein paar Meter weiter bauen drei Jungs in Bayern-München-Trikots der letzten Saison ein großes, neues Trampolin auf. Sie alle sind Waisen. Ihre Eltern haben sie verlassen, meist bei der Geburt, manchmal auch erst Jahre später. Wie die junge Mutter haben sie bei Schwester Michaela und den anderen Nonnen nicht nur Zuflucht gefunden, ein Bett, eine Dusche und regelmäßiges Essen, sondern auch Zuspruch, Respekt und menschliche Wärme.

Wir können nicht immer helfen“, erklärt Schwester Michaela schulterzuckend und deutet auf die junge Mutter. Die Nonne, eine kleine rundliche Frau in grauer Schwesterntracht, die dunkelgrauen Haare unter der dunklen Haube gebändigt, die Furchen in dem weichen Gesicht noch nicht allzu tief, kennt viele, fast unzählige dieser Lebenswege. Mütter, die beinahe selbst noch Kinder sind, die von Eltern oder Männern geschlagen, vertrieben und verlassen werden – und die später nicht selten dieselben Entscheidungen treffen und ihre eigenen Kinder im Stich lassen.

Dennoch sei es heute einfacher, Zufluchtsorte für die Verlassenen und Vertriebenen zu finden. „Es gibt mehr Initiativen, die sich um die Frauen und Kinder kümmern. Wir sind mittlerweile gut vernetzt. Können wir jemanden nicht unterbringen, können wir ihn vielleicht weitervermitteln.“ Nicht zu vergleichen mit der Lage 1991, als der eiserne Vorhang fiel und Michaela nach Rumänien kam.

Damals hätten jeden Tag Dutzende Kinder vor den Türen der Kirche gestanden und gebettelt, erzählt die Ordensschwester mit ruhiger Stimme. Roma. Es rollt leise, wenn Michaela Roma sagt. Noch immer macht sich der oberbayrische Dialekt ihrer Heimat Deggendorf bemerkbar, obwohl Michaela seit 24 Jahren im Szeklerland lebt, dem Landstrich Rumäniens, der von der ungarischen Minderheit des Landes bewohnt wird. Mit 42 hat sie das bayerische Deggendorf verlassen, um das Ordenshaus der Mallersdorfer Schwestern aufzubauen, einer Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen, nachdem das Ende des Kommunismus die Wiederbelebung der katholischen Kirche bedeutete, deren Aktivitäten zuvor durch den Staat stark eingeschränkt worden waren. 1864 ließen sich die Mallersdorfer Schwestern erstmals im rumänischen Hermannstadt nieder, mittlerweile ist der Orden an fünf Orten aktiv, betreibt Kindergärten, Altersheime, Schulen. In Szekelyudvarhely haben die Schwestern damals einen Kindergarten für Angehörige der Roma gegründet, um die Kinder von der Straße zu holen.

[316]_[_DSC3824]_[150803 Franziskanerorden]
Sie hat Zuflucht bei den Mallersdorfer Schwestern gefunden: die 19-jährige Mutter, fast selbst noch ein Kind.
Anfangs hat sich kaum etwas verändert“, erinnert sich die heute 66-Jährige, „alles war wie gelähmt“. Die Menschen hätten einander kaum mehr vertraut, Gleichheitszwang und Ceaușescu-Diktatur hatten ihre Spuren nicht nur auf den Straßen, sondern auch in den Köpfen des Landes hinterlassen. Erst in den letzten Jahren zeigten sich die Fortschritte. Neue Häuser würden entstehen, alte renoviert und restauriert, es gäbe mehr Geschäfte, sogar Touristen. „Es gibt Verbesserungen“, merkt Schwester Michaela an, „aber vieles ändert sich nur sehr langsam“. Noch immer gibt es Roma-Kinder, die betteln. Noch immer gibt es Kinder, die im Kindergarten erst einmal gefüttert, gewaschen und entlaust werden müssten. Einhundert sind es heute insgesamt, die in vier Gruppen betreut werden. Dazu kommen praktische Förderangebote und eine Schule für die, die dem Kindergartenalter entwachsen. Hier sollen die Kinder Selbstvertrauen entwickeln, Lernfreude und Neugierde, Werte, die ihnen zu Hause nicht vermittelt werden. „Viele Eltern sind Analphabeten, waren selbst noch nie in der Schule. Ihnen bedeutet der Schulbesuch der Kinder nichts.“ Immer wieder würden Kinder nicht erscheinen, weil die Eltern wenig Sinn in der Schulbildung sähen. „Wir sehen aber auch immer wieder Eltern, denen es sehr wichtig ist, dass ihre Kinder mehr lernen als sie selbst. Sie sollen lesen, schreiben und rechnen lernen – alles das, was sie nicht können.“

Waren es früher ausschließlich Roma-Kinder, die aufgepäppelt werden mussten, besuchen heute Kinder unterschiedlicher Gruppen die hellen, bunten Räume, in denen zwischen Mobilees und Plüschtieren gemalt, gebastelt oder gelernt wird. Die Mehrheit der Kinder kommt jedoch noch immer aus den sozial schwächsten Schichten. „Natürlich merken wir, dass viele Eltern ihre Kinder lieber in einen anderen Kindergarten schicken wollen“, gibt Schwester Michaela fast entschuldigend zu, „aber wir wollen niemanden zwingen, sein Kind hierher zu schicken“.

Im Flur stapeln sich die Babymilch-Pakete. Milupa, deutsche Aufschrift. Man spürt die Präsenz des deutschen Mutterhauses hier im tiefsten Rumänien. Viele Spenden, über die sich das Kloster finanziert, kommen aus Deutschland. An Weihnachten würden Schuhkartons voller Geschenke aus Bayern kommen. Auch die einheimischen Schwestern, meist Szekler, lernen Deutsch. Kooperation sei dennoch oberste Priorität, betont Schwester Michaela mehrmals, „Hilfsprojekte müssen immer vor Ort verwurzelt sein“. Sonst brächte auch das größte Engagement langfristig nichts.

Dass die Ordensschwester pragmatisch ist, zeigt auch ihre Begründung, nach Rumänien zu ziehen: „Es wurde eine Stelle frei, ich habe mich beworben und wurde genommen.“ Es fügte sich einfach, ähnlich wie ihre Entscheidung, dem Orden beizutreten, die sie schon im Kindesalter für sich getroffen hat, ganz unbewusst, wie sie heute sagt. Und dennoch hält sie nach der fast nüchternen Bilanz kurz inne. „Es ist ein großes Geschenk, dass ich hierher kommen konnte.“

Ein kleiner Junge wirft sich der Schwester an den Hals und zwängt seine schmalen Schultern unter ihren Arm. Lori ist dreizehn und lebt seit seinem ersten Lebensjahr bei den Schwestern. Sie mussten das einstige Frühchen mit der Flasche aufziehen. Seine Mutter lebte einige Zeit mit Lori im Kloster, aber sie hat neu geheiratet – und den Sohn bei den Nonnen gelassen. Der Junge mit den schräg stehenden dunklen Mandelaugen und dem schlackernden grauen Pokemon-Shirt ist ausgelassen, aufgedreht, anhänglich, flitzt umher und zeigt stolz den Inhalt seines Nachttisches. Fußballkarten, Spielzeugautos, ein Poster von Lionel Messi und ein paar Auto-Sticker, auf denen Turbo steht. Turbo, das ist auch Lori, während er um die Nonnen herumflitzt.

Lori hat bei den Mallersdorfer Schwestern ein Zuhause gefunden, ebenso zwei Schwestern, deren Mutter sie bei den Nonnen zurückgelassen hat. Die Mädchen seien so klug, schwärmt Schwester Michaela. Und sie haben ein Vorbild: Die älteste der dreien hat soeben die Schule beendet, und will an die Universität, studieren.

In der Wildnis

Der Besuch hat seine Spuren hinterlassen. Keine sichtbaren, eher einen schalen Nachgeschmack, einen Schatten, der noch lange an den Gedanken klebt wie ein Kaugummi unterm Schuh. Er stört nicht, aber er ist da, meldet sich bei jedem Schritt, will beachtet und nicht länger ignoriert werden. Lenkt die Gedanken immer wieder auf die eine Frage. Was wollten wir da? Ja, was wollten wir eigentlich da, an diesem Platz, an diesem Nicht-Ort, an dem Hütten stehen aber keine Zuhause, houses but no homes?

Wir sind zurück bei Irenke, und wir diskutieren hitzig. Keine zehn Minuten sind vergangen, dass wir aus staubigen Taxis ausgestiegen sind, dem Polizisten noch einmal zugewunken und das alte Szeklertor hinter uns geschlossen haben, wieder eingetaucht sind in die Idylle der kleinen Pension. Doch der grüne Rasen, der hohe Baum und die in Würde alternde Scheune haben keine Chance gegen die Bilder in unserem Kopf. Den Staub, der noch in den Kleidern hängt, die Erinnerung an die stechenden Gerüche. Im Hintergrund füllt Evi ein Planschbecken mit Wasser und Desinfektionsmittel, sie will unsere Schuhe waschen. Sicher ist sicher. Was wollten wir da?

Das versuchen wir herauszufinden. Lautstark. Wir wollten ein Dorf besuchen, in dem Roma leben. Gemeinsam mit Tobias Walzok, einem Deutschen, der dort einmal im Jahr ein kirchliches Ferienlager veranstaltet mit Jugendlichen aus Sachsen. Eine Woche campen die Jugendlichen dann vor den Toren von Nagygalambfalva, spielen gemeinsam mit den Roma Theater, singen, kochen und backen, eine Woche erkunden sie das Land (mehr dazu hier). Die Roma kennen ihn, das Camp – Rüstzeit genannt – findet bereits seit sieben Jahren statt. Tobias sollte unsere Brücke sein, über ihn wollten wir die Roma und Romnija kennenlernen.

Tobias war nicht da.

Es muss einem Übersetzungsfehler geschuldet gewesen sein, oder der spontanen Planung, aber an dem Tag, an dem wir das Dorf besuchen wollten, befand der Jugendwart sich mit seiner Gruppe irgendwo im rumänischen Hinterland, weit weg von Nagygalambfalva. Wahrscheinlich hatten wir ihn nicht richtig informiert, er wusste vielleicht nicht einmal von unserem Besuch in Nagygalambfalva. Stattdessen wurden wir von einem trägen Polizisten eskortiert, der sich zwar rauchend im Hintergrund hielt und nur hier und da ein paar Worte wechselte, dessen Präsenz und Dienstwaffe dem Besuch aber auch eine drückende Bedrohlichkeit verliehen, gerade so als würden die Dorfbewohner sich auf uns stürzen, würde er wegsehen.

15
Eines der weniger provisorischen Häuser des Ortes.

Auf jeden Fall ist Tobias nicht da, als unsere Taxis den Staub der Schotterwegs aufwirbeln, als wir auf die Siedlung zufahren. Sie liegt außerhalb von Nagygalambfalva, fernab der getünchten Häuser, der Blumen in den Vorgärten und den asphaltierten Straßen. Sie liegt weit draußen, dort, wo man sie vom Ort aus nicht sieht. Dort, wo man schnell vergessen kann, dass sie existiert. Die Ansammlung eine Siedlung zu nennen, ist fast schon zu viel, es sind versprengte Hütten, Wände aus aufgesprungenem Lehm, die Löcher in den vergilbten Ziegeldächern mit Plastiktüten geflickt. Es könnte ein Filmset sein, so unwirklich scheint der Ort, mehr Kulisse als Wirklichkeit.

Von weitem wirkt das Dorf wie verlassen, aber das Schnurren der Motoren lockt die Menschen ans Licht. Immer mehr Menschen kommen aus ihren Hütten hervor, blinzeln in grelle Sonne und uns entgegen. Als die Autos anhalten, müssen es Dutzende sein. Wir starren. Sie starren. Die Sonne brennt.

Zum Glück ist Evi dabei, die Unermüdliche, natürlich hat sie auch wieder ihren Sohn Imike dabei, natürlich geht sie voran, als wäre sie andauernd hier, plaudert, grüßt, nickt den Menschen zu. Langsam kommt Bewegung in die Sache. Wir gehen erst einmal hinterher, unsicher, nicht wissend, wohin wir zuerst schauen sollen oder wohin lieber gar nicht. Auf den Boden lieber nicht. Scherben liegen dort im Staub, Papierfetzen, Essenreste. Verdautes. Die meisten Kinder sind nackt, warum auch nicht, es ist unerträglich heiß, vielleicht fehlen aber auch einfach die Kleider, wir wissen es nicht. Sie lachen uns zu, verstohlen, aber aufrichtig, verstecken ihre kleinen Gesichter hinter dreckigen Fingern, spielen das Spiel, das alle kleinen Kinder spielen.

Ein paar Gespräche entwickeln sich, langsam, abtastend, stockend, schließlich sind heute nur zwei Erwachsene dabei, die Ungarisch sprechen. Mehr als Winken und Lächeln ist für den Rest nicht drin. Die Sonne flimmert am Himmel, wir schwitzen, es ist heiß. Den Roma scheint die Hitze nichts auszumachen. Sie sind wild, schön und stolz. Die Haare sind verfilzt, die Kleider voller Flecken, aber die Augen blitzen. Ein paar Kinder fragen nach unseren Namen, singen von Zahlen und dem Alphabet, auch ein paar Sätze auf Deutsch können sie aufsagen. Sie haben sie bei Tobias Walzok und seiner Jugendgruppe gelernt. Die älteren Mädchen necken uns, singen Lieder, deren Inhalt Evi nicht übersetzen will. Mädchen sind sie eigentlich schon lange nicht mehr, wenn überhaupt, dann nur noch auf dem Papier. 14 sind sie, 15 und 17, wenn man ihnen glauben will. Aber ihre Körper gleichen schon längst denen von Frauen, nicht zuletzt deshalb, weil auch sie schon Kinder zur Welt gebracht haben. Am Rand von Nagygalambfalva läuft die Zeit anders. Ängstlich sehen sie nicht aus, ganz im Gegenteil, sie wissen, sich zu behaupten. Wohl auch, weil Alkohol und Gewalt regelmäßig zu Gast sind in Nagygalambfalva.

Die Mädchenmütter fragen, ob wir Zigaretten haben, aber als wir verneinen, zucken sie nur mit den Schultern und lachen. Ob wir hineinkommen wollen in eine der Hütten? Hier wohne eine Familie, sieben, acht, neun Menschen in zwei Räumen, die eher einem Stall gleichen, vielleicht sind es auch mehr. Drei durchgelegene Betten. Auf den pinken Decken Blumenmuster, auf den Schränken Jägermeister.

12
Ein Foto wollte sie unbedingt noch machen, sie bestand fast darauf, die junge Mutter, die uns ihren Namen nicht verraten wollte.

Draußen haben die Romakinder ihre Scheu abgelegt, kommen näher, bilden einen Kreis um zwei der Münchner Kinder, piesacken sie. Den beiden Münchnern ist die Aufmerksamkeit sichtbar unangenehmen, sie wollen weg, zurück zum Taxi, verständlich. Andere stellen Fragen, aber die Übersetzung läuft holprig und manchmal nur über drei Ecken.

Auch unser Taxifahrer schüttelt nur den Kopf, als wir den Ort eine Stunde später wieder verlassen. Piszkos, zischt er verächtlich, als das Dorf im Rückspiegel verschwindet: dreckig.

Und jetzt sitzen wir hier in Irenkes Garten, essen Eis und trinken Limo, und diskutieren, streiten. Was wollten wir da? Warum sind wir in dieses Dorf gefahren, ohne Berührungspunkte, ohne zu wissen, wie es wird, einfach so? Weil es zu Rumänien gehört? Weil es ein drängendes politisches Thema ist? Weil wir den Kindern Armut zeigen wollten, ohne Rücksicht auf Verluste? Weil wir einfach mal gucken wollten, wie andere Menschen so leben? Haben wir Vorurteile geschürt? Uns am Elend anderer ergötzt?

10
Auf den Schränken frische Blumen und Jägermeister: Einblicke in ein fremdes Leben.

Und was bedeutet das eigentlich, Elend? Legen wir hier nicht unsere Maßstäbe an? Können wir uns ein Urteil überhaupt erlauben? Wie viel Ablehnung und Hass Roma in Rumänien – und anderen Teilen der Welt – erfahren, wissen wir, aber steht es uns in diesem Moment zu, darüber zu urteilen, ob die 14-jährige Mutter glücklich ist? Am Ende bleiben wir mit vielen Fragen zurück. Eine Antwort haben wir nicht gefunden. Wir hätten uns besser vorbereiten müssen, soviel ist klar. Hätten uns mit Tobias absprechen sollen, der die Menschen kennt, sich auf gewohntem Terrain bewegt hätte, Ungarisch spricht.

Und was haben die Kinder überhaupt mitgenommen? Haben wir sie erschreckt? Haben sie vielleicht jetzt mehr Angst als vorher, haben sie Vorurteile entwickelt? Im Hintergrund wäscht Evi unsere Schuhe ab, nur zur Sicherheit, wie sie beteuert, aber wie verstehen das die Kinder? Dass man sich nach einem Besuch bei den Roma selbst die Schuhe waschen muss, weil sie piszkos sind, dreckig? Nein, von dem Bottich voller Kernseife bekommen die Kinder gar nichts mit, sie planschen eh schon wieder im Pool.  Aber wie werden sie in ein paar Stunden darüber denken?

Das Resümee fällt nüchterner aus als erwartet: Naja, da hätten halt viele Menschen in einem Dorf gelebt, in dem die Häuser sehr klein und dreckig gewesen seien, voll krass, auch, dass viele so gar keine Klamotten angehabt hätten, piepsen die kleinen Kinderstimmen. Und echt voll krass, dass die da gar keine Handys gehabt hätten, nicht mal Tastenhandys oder so, kommt es zögerlich aus einer anderen Ecke. Aber, bemerkt Robinson, wäre ja auch eigentlich ganz cool so ohne Handy, da hätte man ja viel mehr Zeit für andere Sachen, oder?

Jeder hat etwas anderes aus dem Dorf für sich mitgenommen. Viele Eindrücke, viele Bilder. Viele Fragen und kaum Antworten. Was uns Erwachsenen – und vielleicht auch dem ein oder anderen Kind – klargeworden ist: Wir wissen nicht viel, und ein Urteil, und dann noch ein schnelles, können wir uns nicht erlauben. Aber wir können weiter hinsehen, hinterfragen, Hände reichen. Wie Tobias und seine Jugendlichen.

Mehr zu Tobias‘ Engagement in Rumänien findet ihr hier.