Plan B

Rumänien 2017 oder auch Rumänien 4.0 oder besser gesagt, auf geht’s nach Transsilvanien! Mit 14 Kindern im Gepäck, machen sich Sid und Steffi auf den Weg von München nach Cluj. Ungarisch heißt Cluj Kolozsvár und ist die zweitgrößte Stadt in Rumänien. Hier landet der Flieger am 2.9. am frühen Nachmittag. Ebenfalls am 2.9. findet das Länderspiel Spanien gegen Tschechien während der EuroBasket 2017 in Cluj statt. Es bietet sich also an, nach Ankunft die Basketball Arena zu besuchen. Für die Münchner Kids ist solch ein Ereignis mit 10 NBA Spielern auf dem Feld alles andere als alltäglich, für einige Kinder aus Bögöz ist allein die Busfahrt nach Cluj ein absolutes Highlight, da sie zum ersten Mal ihr Dorf verlassen konnten.

Das große Zusammentreffen findet im zentralen Park nahe der Arena statt. Die altbekannte anfängliche Scheu legt sich spätestens bei Eintreffen an der Basketballarena beim Fotoshooting mit überdimensionalen Basketball und Maskottchen. Nachdem jeder seinen Sitzplatz gefunden hat, ging es auch schon los. Gefesselt von der Atmosphäre, bei dem der Vize-Europameister Spanien eine spektakuläre Show abliefert, wurden Popcorn und Nüsse unter den Kinder freundschaftlich geteilt. Besonders bei den Bögözer Kids, die Basketball bisher nur vom Spielen auf dem Freiplatz bei Irenke kennen, hat sich dieses Ereignis eingebrannt. „Daheim“ angekommen in Bögöz, mitten in der Nacht, fallen alle erschöpft ins Bett.

Am nächsten Morgen musste das geplante gemeinsame Training ausfallen, da der Regen unseren Basketballplatz unbespielbar macht. Auch dieses Jahr haben wir viel Glück und so organisiert uns unser Busfahrer vom vorherigen Tag eine Sporthalle in Udvarhely, die uns zum perfekten Plan B verhilft. Spontanität war nun sowohl vom gegnerischen Team, als auch von den Eltern unseres Teams aus Bögöz gefragt. Der in Bögöz auf dem Freiplatz geplante Spieltag wird kurzerhand in die Móra Ferenc Schule nach Udvarhely verlegt. Da kurzzeitig die Sonne herauskommt und uns mit 25 Grad verwöhnt, eilen wir vorher noch für 2 Stunden ins Freibad von Udvarhely. Dort hat man nicht wirklich vor, das Bad bei dem eher unbeständigem Wetter zu öffnen. 20 badehungrige Kinder vor den Toren des „Varosi Strandes“ veranlassen den Betreiber des Freibades allerdings, uns die Tore zu öffnen. Als einzige Besucher am heutigen Tag, können wir das Freibad komplett für uns alleine in Anspruch nehmen. Diese Situation empfinden die Münchner Kinder als absolutes Highlight des heutigen Tages, da man zuhause eher selten auf ein menschenleeres Freibad trifft.

Ausgepowert vom Frisbee spielen im Freibad, das stark an die 50er Jahre erinnert, ging es nun auf Richtung Móra Ferenc Gymnasium, dessen Hausmeister uns kurzerhand seine Halle für 3 Stunden zur Verfügung stellt. Direkt bei Ankunft am Gymnasium bricht ein Unwetter mit Regen und starkem Gewitter über uns ein. Kurzzeitig war auch die Sporthalle dunkel, da das Licht aufgrund von Störungen ausfällt. Die zwei Mannschaften aus Kézdivásárhely warten dort bereits auf uns. Nach kurzer Vorstellung und Warm-up funktionierte die Stromversorgung wieder und so kann das erste Spiel angepfiffen werden. Ein Team aus Mädchen vom BC Hellenen und dem Bögözi Udvar stellt sich der U14 aus Kézdi. Nach anfänglich ausgeglichenem Spiel mit wenigen Korbchancen auf beiden Seiten, setz sich Kézdi deutlich ab und dominiert die Partie bis zum Ende.
Nun sind die Jungs an der Reihe. Das Spiel hält, was es verspricht. Keines der Teams setzt sich bis 2 Minuten vor Schluss mit mehr als 6 Punkten ab. Es steht 24:30 nach drei Vierteln. Ein letzter Run der angereisten Gäste lässt die das Match nochmal knapp werden. 4 Sekunden vor Schluss steht das Spiel auf der Kippe: 38:37 für das gemischte Team aus Hellenen und Bögözer Spielern. Kézdi hat die letzte Chance zum Sieg. Mit 2 Sekunden Restzeit werfen sie den Ball zu ihrem besten Spieler ein. Der setzt zum Sprungwurf aus 5 Metern an, der sein Ziel deutlich verfehlte. Game over! Sieg für die ekstatische Spielgemeinschaft Hellenen/Bögözi Udvar!

Nach diesem spannenden Spiel verabschiedet sich die siegreiche Mannschaft mit einem Turnierfoto von seine Gästen. Die Eltern der Bögözer sorgen außerdem für ein ausgiebiges Buffet, das nach Spielende verköstigt wird. Teamwork beweist man auch nach dem Spiel, als Eltern aus Bögöz die Münchner Kinder zurück zu Irenke in die Pension fahren. Erschöpft, aber glücklich endet der erste Tag in Bögöz!

Markttag

20 Umzugskartons voller Kleider, Jacken, Hemden und Schuhen: Am Samstag haben wir in Bögöz einen Flohmarkt veranstaltet. Unterstützt haben uns die Mallersdorfer Schwestern, denen wir schon im vergangenen Jahr einen Besuch abgestattet haben. Sie haben in Bayern Kleidung gesammelt und den Transport organisiert. Herzlichen Dank dafür!

Im Vorfeld des Flohmarktes war uns schon etwas mulmig zumute. Was, wenn niemand kommen würde. Oder wenn das genaue Gegenteil eintreten würde und uns die Bögözer die Bude einrennen würden? Was, wenn wir den Überblick über die Einnahmen verlieren würden? Was, wenn der Verkauf an Sprachbarrieren scheitert?

Dass zumindest unsere erste Sorge unbegründet war, zeigte sich schon am frühen morgen. Schon um viertel nach neun, eine Dreiviertelstunde vor dem offiziellen Beginn, standen Leute vor dem beeindruckenden Szeklertor von Irenkes Pension. Sie mussten warten, schließlich musste zuerst noch alles aufgebaut werden. Tische und Bänke wurden verschoben, Kleider sortiert, Preisschilder aufgestellt, Geldbeutel verteilt. Das Sortieren hätten wir uns sparen können – um zehn nach zehn, kurz nach Beginn des Flohmarkts, sah es aus, als wäre eine riesige Kleiderbombe explodiert. Begeistert wühlten sich die Bögözer von Stapel zu Stapel – dazu hat vielleicht auch beigetragen, dass wir die Preise bewusst niedrig gehalten haben. 4 RON für Hosen, 8 RON für Winterjacken sind selbst für rumänische Second-Hand-Verhältnisse fast lächerlich. Aber es ging uns ja auch nicht um den Profit. Wir wollten Einnahmen sammeln für unser Projekt – und auf das Team und das Feld aufmerksam machen.

Noah, Silver und Niven haben dabei ihr Talent fürs Verkaufen entdeckt und den ganzen Tag fleißig kassiert. Während andere Kinder Basketball oder im Garten gespielt haben, liefen die drei unermüdlich von Kunde zu Kunde, um Geld einzusammeln und Wechselgeld herauszugeben. Trotz der niedrigen Preise war der Flohmarkt ein voller Erfolg: Gegen 15 Uhr hatten wir bereits 2.200 RON zusammen. 500 Euro!

Ein Teil des Geldes ging an die Schule in Székelyudvarhely, in deren Halle die Bögözer Kids im vergangenen Winter trainiert haben. 50 Euro haben wir Schwester Michaela zukommen lassen, die den Transport der Kisten nach Rumänien organisiert hat. Mit dem Rest können wir die Trainer bis Ende Oktober bezahlen, wenn sie zwei Mal in der Woche trainieren – vorausgesetzt, das Wetter spielt mit.

Kanu und Kino

Als den Stausee vor zwei Jahren besucht haben, hat es in Strömen geregnet. Dieses Mal hatten wir etwas mehr Glück mit dem Wetter. Und haben gelernt, dass es auch ohne eine gemeinsame Sprachbasis möglich ist, ein Kanu zu steuern. Obwohl… das ein oder andere Münchner Kind hat sich auch der ungarischen „Links-zwo-drei-vier“-Variante versucht, um den Paddeltakt vorzugeben: egy, kettö, három, negy…, egy, kettö, három, negy…

Kanufahren in Rumänien
So sah es vor zwei Jahren aus. Nass sind wir geworden. Und Schuld daran war nicht der See.

Abends stand dann Kultur auf dem Programm: Ein Kurzfilm sollte den Kindern eine der Szeklerlegenden näherbringen. In der Geschichte geht es um böse Feen, gewitzte Hähne und einen mutigen Flötenspieler. Geschaut wurde mit einem Beamer – dessen Bild wir kurzerhand auf die Scheunenwand projiziert haben. Geisterhaft und wunderschön!

Gewinner

Dreizehn Monate sind vergangen, seit wir das letzte Bögözer Basketballcamp mit einem großartigen Turnier abgeschlossen haben. Dreizehn Monate, in denen sich die Münchner Kids jede Woche in der Halle getroffen und an den Wochenenden Spiele bestritten haben. Was ist in der Zeit in Rumänien passiert?

Auch die Szekler haben trainiert. Sie haben Wind und Wetter getrotzt, haben sich noch bei Temperaturen im einstelligen Bereich auf dem Platz getroffen um zu dribbeln, zu passen und zu werfen. Im Winter sind sie einmal in der Woche nach Székelyudvarhely gefahren, um dort in einer kleinen Halle zu trainieren. „Da war es aber stickig“, sagt Réka. Man sieht ihr an, dass sie nicht viel von der Halle hält. Der Platz in Bögöz würde ihr besser gefallen. Und auch wenn immer noch nicht jeder Wurf sitzt, viele Pässe eher Bogenlampen als Geraden gleichen und das Dribbeln mit der linken Hand noch immer nicht allen ganz leicht fällt: Sie haben riesengroße Fortschritte gemacht.

Das ist auch den Münchner Kindern aufgefallen. „Letztes Jahr sind sie einfach losgerannt, wenn sie den Ball bekommen haben, völlig kopflos“, erzählt Silver. „Jetzt überlegen sie erst mal, was sie machen wollen.“ Auch Yanick ist voller Lob. „Die haben sich total verbessert“, sagt er, als wir uns am Dienstagabend treffen, um über den Tag zu sprechen.

Und die Bögözer Kids, was sagen sie zum Training? Bálint ist begeistert, gibt aber zu, dass er sich in der Defense noch deutlich verbessern muss. Stolz ist er auf seine Drei-Punkte-Würfe. Wie zum Beweis versenkt er nur kurze Zeit später einen Ball von der Dreierlinie aus im Korb. Réka findet, dass sie eigentlich schon alles ganz gut kann. Das ist zwar leicht übertrieben, schlecht schlägt sich die Zwölfjährige aber nicht auf dem Spielfeld. Und Reni? Ganz gut gefällt es ihr, sagt sie lächelnd. Das wiederum ist vielleicht leicht untertrieben. Reni hat bislang noch kaum ein Training verpasst – und holt seit ein paar Wochen jede Woche ihre Cousine Adele vor dem Training ab, weil die auch gerne mitspielen wollte. Adele wohnt im nächsten Dorf, vierzig Fußminuten von Bögöz entfernt. Und weil sie sich vor den Wachhunden fürchtet, die sie auf dem Weg durch die Felder nach Bögöz passieren muss, holt Reni sie eben ab. Und bringt sie wieder zurück, wenn sich niemand findet, der Adele abholt. Vierzig Minuten hin, vierzig Minuten zurück. Einmal in der Woche. Darauf angesprochen, lächelt sie nur schüchtern und hebt abwehrend die Hände. Man hilft sich eben, hier in Bögöz.

Das Turnier

Am Donnerstag haben die Bögözer Kinder die Gelegenheit, sich zu beweisen – gemeinsam mit den Münchnern. Drei Mannschaften sind angereist, aus Székelyudvarhely, Kézdivásárhely und Czíkszereda, um beim zweiten Bögözer Turnier gegen zwei gemischte Bögözer Teams anzutreten. Das Wetter meint es gut mit uns und schickt einige Wolken, sodass die ersten Spiele nicht in der prallen Sonne stattfinden müssen. Die Bänke und Strohballen am Spielfeldrand sind gut gefüllt, sogar der stellvertretende Bürgermeister von Bögöz und eine Journalistin sind da.

Der Favorit des Turniers kristallisiert sich schnell heraus: Das Team aus Székelyudvarhely ist nicht nur deutlich erfahrener als der Rest, sondern überragt die restlichen Spieler auch um Längen. Ärgerlich, aber geschenkt. Dafür ist es umso schöner, dass alle anderen Teams auf einem ähnlichen Niveau spielen und sich spannende Wettkämpfe liefern. Die Mannschaft aus Kézdivásárhely bedankt sich hundertfach für die Einladung und beteuert, wie sehr sich die Bögözer Kids verbessert hätten. Sie wollen unbedingt im nächsten Jahr wieder anreisen, zum dritten Bögözer Basketballturnier. Am meisten aber freut uns, wie sich unsere Bögözer Mannschaften schlagen. Szekler und Münchner spielen, als würden sie auch sonst gemeinsam trainieren. Dass sie dabei den zweiten und den dritten Platz belegen: umso schöner. Fühlen dürfen sie sich wie Gewinner.

 

Busfahren

Und dann ist tatsächlich mal wieder alles anders gekommen, fast so, als hätten wir es vorhergesehen: Unser Busfahrer hat uns versetzt, keine Spur von ihm weit und breit. Vor einer halben Stunde hätten wir Irenkes Hof hätten verlassen sollen, um nach Szentábrahám zu fahren. Wir wollen Sandys Freundin Emese besuchen, die dort Kräuter und Heilpflanzen anbaut. Im Moment sieht es aber nicht so aus, als könnten wir den Hof in nächster Zeit verlassen.

Was tun? In der Pension schauten uns fragende Kinderaugen an – schließlich haben sie schon einiges geschafft heute, haben in der Frühe zwei Mal die Kirche umrundet, drei Stunden auf dem Freiplatz gespielt und ein schnelles Mittagessen verputzt. Jetzt wollen sie los. Obwohl, so richtig stört es sie auch nicht, dass sie noch ein bisschen länger auf dem Trampolin herumturnen können. Vom Bus ist auf jeden Fall immer noch nichts zu sehen, kein Wunder, am Telefon erklärt ein zerknirschter Busfahrer gerade, dass er uns einfach vergessen hat, und jetzt auch leider keinen anderen Bus schicken kann. Und nun? Den Besuch abblasen wollen wir nicht. Taxis für alle – heute fahren deutsche und Szeklerkinder zusammen – würden aber unser Budget sprengen. Und außerdem zeigt sich auch die Taxistation wenig kooperativ: Taxis schicken könne man erst später, im Moment seien alle unterwegs. Weil wir auch nicht so richtig weiterwissen, kaufen wir erst einmal Eis für alle.

In Rumänien kann man sich darauf verlassen, dass auf nichts Verlass ist. Aber auch auf den endlosen Einfallsreichtum und den ungebrochenen Willen, aus jeder Situation das Beste zu machen. Gesagt, getan. Ein paar Dutzend Anrufe später trommelt ein Nachbar seine Mitarbeiter zusammen, lässt sie ihre Autos anschmeißen und uns nach Szentábrahám fahren. Er selbst fährt auch, in seinem eigenen Auto. Aus den fragenden werden große Kinderaugen, es handelt sich dabei nämlich um einen Hummer.

Eine halbe Stunde später stehen wir inmitten eines wilden Kräutergartens und erleben ein vollkommenes Kontrastprogramm zum vormittäglichen Basketball. Wir lernen, wie viele Sorten Minze es gibt, welche Kräuter Krankheiten heilen und wie die Rose von Damaskus riecht. Wir schauen einer dressierten Katze beim Sitzmachen zu, streicheln zottelige Hunde, sortieren Kräuter und packen Tee ab. Und dann geht es auch schon wieder zurück, zum Training.

Dort wartet heute nämlich eine Überraschung auf die Szeklerkinder: zwei neue Trainer, die sich bereiterklärt haben, das Training für das nächste Jahr zu übernehmen. Attila und Szabi haben in Székelyudvarhely vom BC Bögözi Udvar gehört und ihre Hilfe angeboten. Die einzige Bedingung: Sie wollen das Training zusammen übernehmen. Die beiden verstehen sich blind, das sieht man nicht nur ihrem wilden, aber ziemlich genauen Passspiel an. Ihre Ziele für das nächste Jahr: viel trainieren, viel spielen, Übungstourniere veranstalten und zu Auswärtsspielen fahren. Sie haben einiges vor sich, so viel ist sicher. Und wir sind uns sicher, dass sie das Beste aus der Situation machen werden. Nicht nur, weil man das eben so macht in Rumänien. Sondern auch, weil sie ein verdammt motiviertes Team haben werden.

Spielzeit

Die Nacht im Freien steckt ihnen zwar noch in den Knochen – das hält die Kids aber nicht trotzdem nicht davon ab, am Dienstagvormittag voller Elan übers Feld zu sprinten. Vormittags ist Spielzeit. Das heißt, es findet kein Training statt, stattdessen können die Kinder selbst entscheiden, ob sie Shootout, Fußhockey oder ein richtiges Spiel spielen wollen. Das funktioniert soweit ganz gut. Die Sprachbarriere existiert zwar weiterhin, wird aber so gut es geht mit Händen und Füßen umgangen. Und auf dem Feld kann man schließlich auch ohne Worte miteinander kommunizieren.

Am Nachmittag steht dann eine neue Herausforderung an: Wir fahren Zug. Der Zug, der an dem Nicht-Wirklich-Bahnhof von Bögöz hält, der im vergangenen Jahr aber auch mal eine ganze Weile einfach nicht gefahren ist, weil sich kein Betreiber gefunden hat. Heute aber klappt alles. Der Zug kommt pünktlich, der Schaffner gibt uns einen Gruppenrabatt, und eine knappe halbe Stunde später stehen wir schon in Székelyudvarhely. Unser Ziel: Das Schwimmbad.

Das Varosi Strand liegt wie ausgestorben am Rande von Székelyudvarhely. Und das, obwohl die Schule hier erst in der kommenden Woche wieder beginnt. Der Betreiber musste sich auch erst überreden lassen, wirklich für uns zu öffnen. Zu dieser Jahreszeit steht es ihm schon frei, das Freibad zu schließen, wenn das Wetter nicht gut genug ist. Regenwolken sind heute zwar keine am Himmel zu sehen, aber wer weiß schon, ob unsere Definition von gutem Wetter mit der des Freibadbetreibers übereinstimmt. Unsere Sorgen sind aber unbegründet, das Freibad ist geöffnet – nur für uns, wie es scheint. Andere Besucher sehen wir keine. Spiegelglatt liegt die Wasseroberfläche der drei Becken in der Sonne. Natürlich nicht für lang, einen Augenblick später schlagen bereits die ersten kreischenden und vom Beckenrand plumpsenden Kinder hohe Wellen.

Abends steht dann der nächste Programmpunkt auf dem Plan: Das gemeinsame Training. Die Fortschritte der Szeklerkinder machen sich bemerkbar, die Lücken aber auch. Vor allem in der Defensive hapert es noch gewaltig. Also geht es heute vor allem darum, die Verteidigungshaltung zu üben. In langen Reihen quibbern – alle Basketballer wissen, wie anstrengend das ist – Bögözer und Münchner also gemeinsam über das Feld, gleiten vor und zurück, von links nach rechts, hüpfen auf und ab, immer weiter. Großartiger Übersetzungskenntnisse bedarf es keiner, um aus ihren Gesichtern zu lesen: Die Übung finden sie alle gleich furchtbar.

 

Draußen schlafen

Über uns der Mond, um uns herum nur Wald und Wiesen: Die zweite Nacht haben wir nicht in der Pension von Irenke, sondern unter freiem Himmel verbracht. Auf der Farm von Reni, die wir im vergangenen Jahr schon einmal besucht haben. Hoch über Bögöz thronen die zwei Scheunen und der ausrangierte Bauwagen, die Renis Familie in den Sommermonaten als Unterschlupf dienen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Sie haben ein hübsches zweistöckiges Haus in Bögöz, direkt neben unserer Pension. Die Sommernächte aber verbringen sie im Hinterland; dort, wo ihre Schafe, Ziegen, Hühner, Schweine und Kühe weiden.

Heute überlassen sie uns die Farm. Nicht die Scheunen, wohlgemerkt, und auch nicht den ausrangierten Bauwagen. Nachdem wir einen Orientierungslauf um und durch Bögöz hinter uns gebracht haben, schlafen wir also jetzt draußen – allen verdutzten Blicken und empörten „Echt jetzt? Ist das nicht voll kalt“-Rufen zum Trotz. Unser Lager schlagen wir auf einer Wiese auf, ohne Zelte, nur auf einer Plane. Wie echte Camper machen wir Stockbrot und Würstchen über einem Feuer, für das Renis Eltern kurzerhand noch einen Baum schlagen, als es zu erlöschen droht. Dann folgen ein paar aufmunternde Worte und ein letztes Winken, schon rauscht ihr Auto in die Nacht und lässt uns allein zurück. Neben uns glimmen noch die letzten Reste des Feuers, in der Ferne funkelt Székelyudvarhely. Ansonsten: vollkommene Dunkelheit, die auch das Licht unserer Taschenlampen nach wenigen Metern verschluckt.

Und was tut man, wenn man in der rumänischen Wildnis liegt, der Heimat von Dracula und anderen blutrünstigen Fiktiv-Fieslingen? Richtig, man erzählt sich Gruselgeschichten: von Mördern und seltsamen Krankheiten, einsamen Dörfern und dunklen Kellern. Dass die Geschichten Satz für Satz übersetzt werden müssen – vom Ungarischen ins Deutsche und andersherum – mindert den Gruselfaktor zwar minimal, nicht aber den Spaß. Die Wolken am Himmel sorgen für milde Temperaturen, und schließlich fallen sogar die, die anfangs noch lauthals verkündet haben, sicher kein Auge schließen zu können, in einen tiefen Schlaf.

In der Nacht dann auf einmal Unruhe: Es raschelt und röchelt am Rande des Bettenlagers, irgendetwas bewegt sich auf uns zu – und zwar gar nicht mal so langsam. Wie war das noch mal mit den Wölfen und Bären in Rumänien? Renis Vater hat uns zwar versichert, dass die im September satt und vollgefressen anderswo in den Wäldern weilen, aber was, wenn doch einer Lust hat auf einen Mitternachtssnack? Immer näher kommt das Rascheln, es will ganz eindeutig zu uns. Es röchelt. Und schnüffelt. Kommt noch ein Stückchen näher – und bellt uns an. Es ist einer der Wachhunde – riesige Tiere, die ebenso furchteinflößend wie schmusebedürftig sind. In diesem Fall ist der flauschige Fellberg aber tatsächlich nur hungrig. Er ist auf der Suche nach Essensresten. Und wird fündig, schließlich haben einige der Kids ihre Stockbrotreste großflächig ums Lager herum verteilt.

Wir haben die Nacht also gut überstanden. Es war ein bisschen kalt, ein bisschen gruselig, ein bisschen regnerisch – und ziemlich wunderschön. Vielleicht, weil wir nachts doch noch die Sterne gesehen haben. Vielleicht, uns ein Hahn geweckt hat. Vielleicht auch, weil sich ein riesiger Wachhund morgens zwischen uns gequetscht hat, um sich ausgiebig kraulen zu lassen. Wahrscheinlich lag es aber vor allem daran, dass uns Bögöz dafür belohnt hat, dass wir die Nacht unter freiem Himmel erfolgreich hinter uns gebracht haben: mit dem wohl schönsten Sonnenaufgang, den es zu bieten hatte.

 

Ankommen

Wie sieht Bögöz aus, wenn man es zum ersten Mal sieht? „Hier gibt es nur Wohnhäuser“, sagt Theresa schulterzuckend, „und gar keine Läden, in denen man einkaufen kann“. „Aber die Landschaft ist total schön“, beteuert Charlotte, „und die vielen Tiere sind es auch“. Wohnen wollen die beiden hier nicht – aber spannend finden sie es schon.

Um ehrlich zu sein: Charmant sieht Bögöz aus, spektakulär ist es nicht. Kleine Häuser säumen die Straßen, bunter Putz blättert von den Fensterläden, öffentliche Gebäude gibt es tatsächlich nur wenige. Eine Schule, einen Supermarkt, eine Kneipe. Eine kleine Kirche, die nicht wirklich oft von Touristen besucht wird. Der Bahnhof ist kaum mehr als ein schmaler Asphaltstreifen neben den Schienen, stünde das Schild nicht dort, man könnte ihn glatt übersehen.

In diesem Jahr sind viele dabei, die Bögöz am Sonntag zum ersten Mal gesehen haben. Für sie ist alles neu. Die Kirche, der Supermarkt, der Nicht-Wirklich-Bahnhof. Wieder andere haben das Dorf im vergangenen Jahr kennengelernt, vor zwei Jahren oder vor mehr als einem Jahrzehnt. Wir wussten was uns erwartet. Irgendwie. Denn auch für uns ist alles neu. Wenn wir eines in den vergangenen Camps gelernt haben, dann ist es, dass immer alles anders kommt als gedacht. Nichts ist vorhersehbar. Das Wetter ebenso wenig wie die Gruppendynamik, der rumänische Busfahrplan schon gar nicht. Insofern erwartet auch uns viel Unbekanntes. Auch wir sehen Bögöz in diesem Jahr gewissermaßen zum ersten Mal.

Wir sind gespannt, wie es aussehen wird.

Winter is coming to Bögöz

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Damit die Körbe die kalte Jahreszeit gut überstehen, wurden sie bereits winterfest gemacht.

Irgendwann hat die Kälte dann doch gesiegt. Auf unserem Feld ist Winterpause angesagt, zunächst einmal. Denn während sich die Szekler auf das neue Jahr vorbereiten, machen Minusgerade, Regen, Wind und Schnee ein regelmäßiges Training unmöglich. Auch deshalb ist für das Basketballfeld jetzt erst einmal ein langer Winterschlaf angesagt.

War es das also schon, ist die Saison für den jungen BC Bögözi Udvar, dem ersten Basketballvereins Bögöz, schon vorbei? Mitnichten. Vom Eifer gepackt, haben Trainer und Kinder sich nach Alternativen umgeschaut – und haben sich an eine kleine, aber feine Halle in Szekelyudvarhely erinnert, in der wir während unseres ersten Basketballcamps einmal gegen eine andere einheimische Mannschaft gespielt haben.

Dort werden sie weiter trainieren, bis es in Bögöz wieder wärmer wird. Eine Gruppe hartgesottener Spieler, die bis Mitte Dezember regelmäßig mit Imi und Evi trainiert hat, bekommt nun also die Möglichkeit, weiter an ihrem Können zu feilen. Einmal in der Woche geht es mit dem Zug (der nach einer langen Pause endlich wieder fährt) für acht Kinder nach Szekelyudvarhely, nach dem Training mit einem privaten Kleinbus wieder zurück – abends fährt kein Zug mehr nach Bögöz.

Natürlich ist so ein Bus teurer als öffentliche Verkehrsmittel. Dennoch (oder gerade deshalb) wollen und werden wir das Team finanziell unterstützen: Erstens ist es eine Übergangslösung für den Winter. Zweitens ist so ein Bus in Rumänien deutlich günstiger als in Deutschland, die Fahrt von Szekelyudvarhely nach Bögöz kostet umgerechnet rund 8 Euro für acht Personen. Drittens – und das für uns der wichtigste Punkt – wollen wir es den Kindern, die mit so viel Engagement und Hingabe dabei sind, ermöglichen weiterzumachen.

Die Kids sind begeistert von der Idee – und ihre Eltern auch. Evi hat sich die Mühe gemacht, mit ihnen zu sprechen, um Ihnen das Vorhaben zu erklären.

Wir möchten euch für eure Unterstützung danken – ohne eure Hilfe, die Spenden oder Ratschläge, müssten die Kids in Bögöz den Winter drinnen verbringen (oder zumindest ohne Basketball). Wir sind schon unfassbar gespannt, wie weit sie sein werden, wenn wir im August 2016 wieder nach Bögöz fahren werden.

Die Ruhe nach dem Sturm

Valerie war in diesem Sommer zum ersten Mal mit Basketball in Rumänien und hat als Trainerin und Begleiterin geholfen, wo sie konnte. Ihre Eindrücke hat sie direkt nach dem Camp aufgeschrieben. Wir wollten etwas Zeit vergehen lassen, bevor wir den Text auf den Blog stellen, um erst einmal unsere eigenen Erinnerungen sacken zu lassen. Denn wir sind uns sicher: Jeder, der diesmal mit in Bögöz war, egal ob zum ersten, zweiten oder dreißigsten Mal, hat jede Menge Eindrücke und Erinnerungen mitgenommen – und die muss man in der Regel erst einmal verarbeiten. Aber natürlich wollen wir euch auch Valeries Text nicht vorenthalten. Et voilà.


Mit dem Flieger geht es im Handumdrehen nach Rumänien, wo die Hitze noch viel drückender ist als in Deutschland. Hier ist alles anders – die Taxis schneller, die Stimmen lauter und der Verkehr reger. Zumindest in Bukarest, der Hauptstadt Rumäniens. Zwei Tage im „Paris des Ostens“, der ehemaligen Hochburg des Diktators Ceaușescu, bevor es auch für mich nach Bögöz ins Camp geht. Ich bin das erste Mal dabei und sitze nun im Zug nach Sibiu, wo ich auf den Rest der Gruppe treffen werde. Fünfeinhalb Stunden Zugfahrt für nur knapp 280 Kilometer – fünfeinhalb Stunden, die zeigen, wie Rumänien tickt: Gefahren wird gemeinsam. Es wird geratscht, Essen (oder Sitze) geteilt, gelacht oder auch mal gepöbelt. Und: Eine Platzreservierung ist nicht viel wert – on your feet, lose your seat.

Der Taxifahrer, der mich in Sibiu vom Bahnhof zum Flughafen bringt, hat zwar keine Zähne mehr, schenkt mir als „Dutsche“ aber trotzdem ein Lachen. Mit der Gruppe vereint geht es dann im Bus nach Bögöz, ab ins Szeklerland. Wenn uns nicht in regelmäßigen Abständen immer wieder ein Pferdekarren entgegenkäme, könnten wir auch durchs Tolkinsche Auenland fahren – so grün ist es. Die Ausnahme: Anstatt Hobbithöhlen stehen am Straßenrand zahlreiche Brachtbauten – die meisten von ihnen aber unvollendet. Heißt: Die Häuser sind bewohnt, aber nicht fertiggestellt. Es fehlt der Putz, manchmal sogar die Fensterscheiben. Woran das liegt, haben wir bis heute nicht rausgefunden.

In Bögöz erwartet uns das liebevolle Heim von Irenke. Um auf den Hof zu gelangen, muss man durch ein Szeklertor gehen. Szeklertore sind reich geschnitzte Holztore, die zu verstehen geben, dass hier Szekler wohnen, die den Ungarn näher stehen als den Rumänen (Hier gibt es die ausführliche Erklärung zu Szeklern, Ungarn und Rumänen). Irenke wird uns die nächste Woche bekochen, uns (wir wünschten es wäre anders) hinterherräumen und uns sogar pflegen. Wie der eine oder andere mitbekommen hat, wechselten wir uns über die Woche nämlich mit einem fiesen Magen-Darm-Virus ab, den wir fast liebevoll Tagesvirus tauften – so lange belästigte er jeden einzelnen.

Was habe ich mir davon erhofft, mit nach Bögöz zu fahren? Um ehrlich zu sein, habe ich mir vorher wenig Gedanken gemacht, zu viel Stress in der Uni und im Job. Bei Irenke auf dem Hof zu sein bedeutete zuerst völlige Entschleunigung. Zuerst. Denn dann ging das Camp los, 30 Kinder, die unterschiedlich gut Basketball spielen, verschiedene Sprachen sprechen und alle Aufmerksamkeit brauchen – und diese natürlich auch verdient haben.

Zwei Ausflüge haben mich nachhaltig beschäftigt: Der Besuch im Roma-Dorf und der Besuch auf Renis Farm (mehr zu den anderen Ausflügen steht zum Beispiel hier oder hier).

Das Roma-Dorf war für uns alle ein Kulturschock, und, ganz ehrlich: Wir Erwachsenen haben nicht nur die Kinder, sondern auch uns selbst ins kalte Wasser geworfen. Im Dorf war es dreckig, der Großteil der Bewohner nackt. In den Hütten wohnen immer mehrere Familienmitglieder, ohne fließendes Wasser. Die Dorfbewohner trinken aus dem Fluss (ja genau der, dessen Badebesuch uns wahrscheinlich den Magen-Darm-Virus verpasst hat). Es ist staubig und wahnsinnig heiß. Aber wir sind willkommen – obwohl wir keine Geschenke mitgebracht haben. Liebevoll zeigt uns eine junge Mutter ihr Baby, ein hübsches, noch völlig zahnloses kleines Ding. Es ist ein Kulturschock – und das mitten in Europa. Wir kamen in Taxis vorgefahren, in Polizeibegleitung. Eine Busanbindung ins Dorf gibt es nicht (mehr über den Besuch steht hier). Nach dem Besuch haben wir viel diskutiert. War das richtig? Haben wir Katastrophentourismus betrieben? Was hat unser Besuch dem Roma-Dorf gebracht? Und vor allem: Was ist bei unseren Kindern geblieben? Haben wir Vorurteile abbauen können oder diese vielleicht nur noch vergrößert?

Ihr könnt uns glauben, dass wir Erwachsene nach dem Besuch nicht nur gesprochen, sondern auch ein bisschen gestritten haben. Ich persönlich – aber das ist meine Meinung – wünsche mir, dass wir den Besuch im nächsten Jahr wiederholen, allerdings ohne Polizei und Taxen, sondern in Begleitung von Tobias, einem Deutschen, der seit Jahren mit Teenagern in eben dieses Dorf fährt und dort gemeinsam Programm macht. Am nächsten Tag haben wir mit den Kindern gemeinsam über das Erlebnis gesprochen. Ich glaube, dass die Kinder nicht nur gelernt haben, ihr eigenes Hab und Gut zu schätzen, sondern auch, dass es mehr als eine Lebensweise gibt und das Armut nicht zwangsweise Unglück bedeutet. Denn unglücklich waren die Bewohner des Dorfes nun wirklich nicht – es wurde gesungen und gespielt.

Ein besonderer Ausflug war auch der Besuch auf Renis Farm. Ich bin immer noch beeindruckt, dass Reni und ihre Familie jede Nacht auf der Farm übernachten und im Notfall auch mal den ein oder anderen Bären oder Wolf verjagen. Reni gehört zu den Kindern, die stets gute Laune ins Camp getragen haben. Während wir Deutschen gerne (und in diesem Camp leider auch oft) jammern, scheinen mir die Szekler-Campteilnehmer manchmal schon ein bisschen reifer zu sein. Gejammert wird nicht, wer hinfällt, steht auf. Aber nun ja – was ist eine Schnittwunde schon gegen einen ausgewachsenen Bären.

Beeindruckt hat mich in dieser Woche wieder einmal, das Kinder sich verständigen können, auch wenn sie nicht die gleiche Sprache sprechen. Ich wünsche mir, dass wir im nächsten Jahr diese Bindung noch vertiefen können und hoffe, dass wir das Projekt so voran treiben können, dass wir noch mehr gemeinsame Aktivitäten zwischen den Szeklerkindern und unseren deutschen Campteilnehmern ermöglichen können. Seit gestern ist der Großteil von uns wieder zurück in München, und es fühlt sich an, als wäre ich eine Ewigkeit weggewesen. Ich bin mir sicher, dass ich das deutsch-ungarische Geplapper bald vermisse (noch genieße ich die Ruhe) und freue mich auf alle, die nächstes Jahr wieder mitkommen.

Zuletzt noch eine Geschichte, die Sandy und Katalina mir heute erzählt haben: Wie ihr sicher mitbekommen habt, hat auch István, ein Roma-Junge, der schräg gegenüber von Irenkes Pension wohnt, am Camp teilgenommen hat. Obwohl István sehr ruhig ist, schließt man ihn sofort ins Herzen. Am Ende der Reise haben besonders wir Betreuer mit der ein oder anderen Träne gekämpft, weil es bei Irenke einfach so wunderschön ist. Nicht nur wir: Angeblich hat auch Ida, Istváns Mutter geweint. Aus Dankbarkeit, weil ihr Sohn am Camp teilnehmen durfte.